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Italien-Erinnerungen. Und Schuld, wie immer

Nach dem Tod meines Vaters begannen Helma und ich mein Erbe in Italien zu verprassen, man kann es auch gut und gern einen Studienaufenthalt nennen, einen Frühling über in den frühen 1980er Jahren.

Unser Hauptquartier war ein Zimmer in einem kleinen Hotel ganz im Zentrum Bolognas mit Fenstern auf eine enge Gasse am alten Fischmarkt. Von dort aus fuhren wir meist mit der Eisenbahn überall in Italien herum, nahmen aber auch in Bologna an allen möglichen Demonstrationen, Ausstellungen, Lesungen teil. Ich erlebte (in Rom) Italo Calvino, der wenig später gestorben ist.

Ich konnte damals gut Italienisch. Ich klaute viele Bücher auf dem Buchmarkt an dem Platz mit den beiden schiefen Türmen, Bücher, die auf dem Schrank im Hotelzimmer eine wachsende Reihe bildeten.

Zu meinem Vergnügen übersetzte ich Gedichte von Sandro Penna. Glückler vom Verlag Beck & Glückler, mit dem ich Briefe wechselte, bat mich sogar, seine Übersetzung von Pennas Prosa durchzusehen; womit er mich eigentlich überschätzte.

Ich setzte, noch in Italien, eine Anzeige in die Tageszeitung „L´Unitá“, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, die damals Millionen Anhänger zählte und die größte politische Partei des Landes war. Mit dem Inserat suchte ich jemanden, der Lust hätte, mit mir zwecks Perfektionierung meiner Sprachkenntnis auf Italienisch Briefe zu wechseln.

Meine Kölner Adresse erreichten daraufhin viele, viele Angebote, ältere und jüngere Anhänger des PCI (ich war keiner) und Leser der Zeitung „L´Unitá“ schrieben mir in der freundlichsten Weise, manche wollten mir einfach nur einen Gruß senden und schickten eine Ansichtskarte ohne Absender, die ihre jeweilige Heimatstadt zeigte. Ich wählte unter ihnen eine Frau meines Alters aus, eine angehende Lehrerin in Genua.

Mit ihr hab ich dann ein paar Jahre korrespondiert. Zu den vielen kleinen und großen Dingen, die ich in meinem Leben bereue – darunter einfach vieles, womit ich Menschen verletzt habe – gehört, dass ich diesen Briefwechsel eines Tages einfach grußlos abbrach, weil es mir zuviel wurde, und ich mich bei Gabriella, die verwirrt mehrmals anfragte, nicht wieder gemeldet habe.