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FRIEDRICH KRÖHNKE IN LEIPZIG

Lesung und Gespräch über den legendären Verleger Egon Ammann am 27.9.22 im Literaturhaus Leipzig mit Friedrich Kröhnke, Svenja Leiber, Ulrich Peltzer. Moderation Carsten Hueck. Anwesend auch Marie-Luise Flammersfeld und Ingrid Sonntag, die Herausgeberinnen des Buchs über Egon Ammann, soeben im Wallstein Verlag erschienen.

Friedo Lampe betreffend

EIN BRIEF AN DEN BÜRGERMEISTER VON KLEINMACHNOW,

HERRN MICHAEL GRUBERT

Juni 2022

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

es geht um Friedo Lampe.

Den Schriftsteller und Dichter, der 1945, in den allerletzten Kriegstagen, schon nach Hitlers Selbstmord, in Kleinmachnow „versehentlich“ getötet wurde.

Mein Name ist Friedrich Kröhnke, ich bin ein in Berlin lebender Schriftsteller. Ich rege an, dass in Kleinmachnow, an der Stelle, an der Friedo Lampe am 2. Mai 1945 bei einer Kontrolle durch sowjetische Soldaten erschossen wurde, also in der Straße Heidefeld, eine Tafel aufgestellt wird, die an ihn erinnert.

Der Ort, der wohl auch die konkrete Stelle dieser Hinrichtung war, eignet sich. Hier beginnt, an der Ecke Steinweg, ein winziges Wäldchen.

Friedo Lampe, der nur 45 Jahre alt wurde, schrieb die wunderbaren Romane „Am Rande der Nacht“ und „Septembergewitter“. Man erkennt heute in ihm, der im Brotberuf auch Lektor u.a. bei Rowohlt war, einen der wichtigsten deutschen Autoren der 1930er-40er Jahre, der nicht- und antinazistischen Autoren, versteht sich hier sowieso.

Mit den Inhalten seiner Bücher, ihrem Ton und der „fließenden“ Technik, in der sie geschrieben sind, ist er Vorläufer von Hans Bender, Wolfgang Koeppen, Alfred Andersch und weiteren deutschen Autoren der Moderne, die er stark beeinflusst hat.

Er war ein lauterer, sensibler, friedliebender Mensch. Um so paradoxer, eindrücklicher und im Sinne eines Gedenkorts lehrreicher die Umstände seines Todes.

Seine Berliner Wohnung war zerbombt, seine bekannte Privatbibliothek vernichtet. Er kam 1943 bei der befreundeten Kollegin Ilse Molzahn unter, die in Kleinmachnow wohnte.

Ein Einzelgänger – für die Wehrmacht war er nur „beschränkt tauglich“, nicht „kv“, „nicht kriegsverwendungsfähig“, ein Zivilist – war er entgegen dem Rat seiner Freunde am 2. Mai 1945 eben einzeln gegangen, allein durch Kleinmachnow geirrt. Von einer Patrouille der Roten Armee gestellt, scheint er seinen Ausweis vorgewiesen zu haben, den die Soldaten wohl für gefälscht gehalten haben (er war abgemagert und sah sich nicht mehr ähnlich) und ihn für einen SS-Mann, der untertauchen wollte.

Eine Anwohnerin am Heidefeld sah, „wie man den fremden Mann anwies, in ein offenes Gartengrundstück zu treten. Er habe noch erschrocken den rechten Arm vor das Gesicht gelegt, dann fielen schon zwei Schüsse…“

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Sie werden das vielleicht alles wissen…

Meine Anregung, zu der ich, der ich gar nicht in Kleinmachnow wohne, „gar kein Recht habe“, zielt NICHT auf einen „Friedo-Lampe-Weg“ oder eine „-Straße“…In Kleinmachnow haben einige Literaten gelebt, die einer derartigen Ehre wert wären… es gibt eine Maxie-Wander-Straße… Ich zweifle manchmal ein wenig am Wert von Straßennamen für die „Erinnerungskultur“. Jedoch eine am Straßenrand aufgestellte Tafel zu den Umständen dieses anonymen Todes eines namhaften Individualisten, typisch und untypisch zugleich…

Eine Tafel genau so wie die im Rasen zwischen Bürgersteig und Fahrweg aufgestellte „Stele“ in der Straße Uhlenhorst zur Geschichte des Kinos „Kammerspiele“!

Drei Orte kommen ja zur Erinnerung an Friedo Lampe in Kleinmachnow in Betracht.

Das vorhandene Grab auf dem so sehr schönen Waldfriedhof: in der Reihe der Soldatengräber: „Friedrich Lampe“…

Das Haus Geschwister-Scholl-Allee 62 (damals Heimdallstraße), in dem er bei Ilse Molzahn wohnte.

Die Stelle an der Straße Heidefeld, wo er ermordet wurde.

Diese dritte Örtlichkeit bietet sich als sinnfällig und eindrücklich am meisten an. Der Eigenbrötler, der schusslige Mensch: („in meiner Konfusion habe ich irgendwo in einer Telefonzelle meine Mappe mit allen Lebensmittelmarken, allen Papiere und RM 600 oder 700 liegen lassen…“ )- der jederzeit in Angst vor dem Tod gelebt hatte – er „zitterte von Kriegsanfang bis zu seiner Erschießung ´45“ (Heinrich Goertz) – , ein Mensch, der eine der Hoffnungen der deutschen Literatur seiner Zeit gewesen war, wurde hier getötet.

Mein Anliegen ist auch unter folgendem Gesichtspunkt nur recht und billig: Friedo Lampe war nicht der einzige bekannte Künstler, der in jenen Tagen in Kleinmachnow von Rotarmisten erschossen wurde. Nach dem anderen ist in Ihrer Stadt eine Straße benannt: Friedrich Kayssler, Hauptdarsteller in NS-Propagandafilmen, einer von nur vier Theater.schauspielern, die in der NS-Liste der sogenannten „Gottbegnadeten“ geführt wurden.

Ich freue mich auf eine Antwort. Sicher nicht nur ich freue mich, wenn Sie aktiv werden!

Ihr

Friedrich Kröhnke.

((Es gibt bereits eine ausgesprochen interessierte briefliche Antwort des Kleinmachnower Bürgermeisters! Er findet das Projekt „sehr interessant“ und will aktiv werden.))

Friedrich Kröhnke ist eingeladen, am 8. November 22 abends im Gesprächskreis Homosexualität der Kirchengemeinde am Friedrichshain, Berlin, von seinem Vorstoß für Friedo Lampe zu berichten. Adventkirche, Danziger Straße 203, 18 Uhr.